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Das „System“ Kunsstoff

Es ist unumstritten, dass wir Kunststoff heutzutage nicht mehr wegdenken können, und dennoch ist ebenso unumstritten, dass die Kunsstoffproduktion und der daraus resultierende Kunsstoffabfall ein ernstzunehmendes Problem für unsere Umwelt darstellen.
Um Kunststoffabfall am effektivsten zu reduzieren, werde ich mir in diesem Beitrag ansehen, wo der meiste Abfall anfällt und welche Bereiche die größten Verursacher sind. 

Grafik: PLASTIKATLAS  (1) | Appenzeller/Hecher/Sack, CC BY 4.0

 

Wie in der Grafik zu sehen ist, wird der Großteil des Kunststoffs in einem Bereich eingesetzt, in dem er auch die kürzeste Lebensdauer hat: Verpackungen. Mehr als ein Drittel des produzierten Kunststoffs wird für Verpackungen verwendet, die zum Großteil Einweg-Verpackungen sind. Ein großer Teil davon findet Anwendung in der Lebensmittelindustrie: In der EU wurden 2018 mehr als 1,13 Billionen Verpackungen für Essen und Getränke eingesetzt (1).

Recycling als Lösung?

Beim Thema Kunststoffabfall liegt der Fokus häufig auf hochmodernen Recyclinganlagen und modernem Abfallmanagement – und das ist kein Zufall: Dies ist das Ergebnis von gezieltem Lobbying der Kunststoffproduzenten, um die Aufmerksamkeit von der Kunststoffproduktion auf die scheinbare Lösung „Recycling“ zu lenken.

Aber trotz moderner Technologien wird bis heute der Großteil des Kunststoffabfalls nicht recycelt, sondern verbrannt (1). Gerade im Bereich der weniger hochwertigen Einwegverpackungen wird weltweit nur etwa 10 % recycelt (2).

Das bedeutet jedoch nicht, dass auch 10 % des neu produzierten Einwegkunststoffs aus recyceltem Material bestehen. Dieser Anteil lag 2021 weltweit bei nur 2 %. Und wie in der nachstehenden Grafik erkennbar ist, wächst die Produktion von Einwegkunststoff schneller als der Recyclinganteil daran.

Grafik: Minderoo Fundation (2)

Verantwortung der Verursacher

Wie die australische Minderoo Foundation in ihrem Plastic Waste Makers Report feststellt, reichen bewusste Kaufentscheidungen von Konsument:innen nicht aus, um die Kunststoffproduktion zu reduzieren. Denn trotz steigenden Bewusstseins gibt es heute mehr Einwegkunststoffabfall als je zuvor (2).

Eine Gruppe von Müllsammler:innen hat 2021 in 45 Ländern Kunststoffverpackungen gesammelt und analysiert, um die größten Verursacher zu identifizieren: Die meisten Verpackungen stammen von Coca-Cola, gefolgt von Pepsi und Unilever (3).

Der größte Hersteller von Kunststoff – nicht der fertigen Produkte wie einer Cola-Flasche, sondern des Grundmaterials – ist ExxonMobil, eines der größten Öl- und Gasunternehmen der Welt (2). ExxonMobil setzt wie viele andere Konzerne auf Recycling, wird in diesem Zusammenhang jedoch häufig des Greenwashings beschuldigt (4).

2024 wurden in Kalifornien Klagen gegen ExxonMobil eingereicht. Der Konzern soll durch „Advanced Recycling“-Kampagnen die Öffentlichkeit getäuscht haben, indem er Recycling als effektive Lösung darstellte, obwohl ihm bewusst sei, dass der Recyclinganteil viel zu gering ist, um das Kunststoffproblem in den Griff zu bekommen (5).

 

Fazit: Warum echte Veränderungen nur strukturell möglich sind

Die Analyse zeigt deutlich: Das Problem der Kunststoffflut lässt sich nicht allein durch individuelles Konsumverhalten lösen. Zwar können bewusste Kaufentscheidungen einen Beitrag leisten, doch die größten Mengen an Kunststoff entstehen dort, wo Konsument:innen kaum Einfluss haben – in globalen Lieferketten, bei der Verpackungsgestaltung großer Konzerne und bei der Produktion des Grundmaterials durch petrochemische Unternehmen.

Recycling spielt eine Rolle, doch seine Wirksamkeit ist begrenzt, solange die Herstellung von neuem Kunststoff weiterhin billiger bleibt als der Einsatz von Rezyklat. Gleichzeitig steigt die Gesamtproduktion von Einwegkunststoffen schneller als unsere Fähigkeit, sie zu recyceln. Das führt dazu, dass wir uns mit immer größeren Mengen an kurzlebigen Produkten konfrontiert sehen, die nur schwer in einen echten Kreislauf zurückzuführen sind.

Daher rücken zunehmend Maßnahmen in den Fokus, die verbindliche Regulierungen und klare Verantwortlichkeiten schaffen. Dazu gehören etwa Abgaben auf Einwegprodukte, gesetzlich verankerte Mindest-Rezyklatquoten, Design-for-Recycling-Vorgaben und strengere Regeln für irreführende „Recycling“-Werbung. Solche Instrumente setzen genau dort an, wo der größte Hebel liegt: bei den Unternehmen, die Kunststoffe herstellen, gestalten und in Umlauf bringen.

Nur wenn politische Rahmenbedingungen die ökologisch sinnvolleren Lösungen wirtschaftlich attraktiver machen, kann es gelingen, die Kunststoffproduktion zu reduzieren und den Einsatz von langlebigen, wiederverwendbaren und recycelbaren Materialien zu fördern.
Ein wirksamer Wandel gelingt deshalb nicht durch Appelle an Einzelne, sondern durch strukturelle Veränderungen, die Hersteller, Handel und Industrie in die Pflicht nehmen. Nur so kann die Plastikflut langfristig gestoppt werden.

Literaturverzeichnis

(1): Heinrich Böll Stiftung (2019): Plastikatlas | Appenzeller/Hecher/Sack, CC BY 4.0

(2): Minderoo Fundation (2023): Plastik Waste Makers (https://cdn.minderoo.org/content/uploads/2023/02/04205527/Plastic-Waste-Makers-Index-2023.pdf)

(3) Capita (2021): Das sind die größten Verursacher von Plastikmüll https://www.capital.de/wirtschaft-politik/das-sind-die-groessten-verursacher-von-plastikmuell

(4) The Guardian (2022): Exxon doubles down on ‘advanced recycling’ claims. https://www.theguardian.com/environment/2022/may/11/exxon-advanced-recycling-plastic-pollution-investigation

(5)  NPR (2024:): California sues ExxonMobile for misleading public on plastic recycling https://www.npr.org/2024/09/23/nx-s1-5123619/california-sues-exxonmobil-for-misleading-public-on-plastic-recycling