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Schwammstadt: Wenn die Stadt lernt, mit dem Wasser zu leben

Erst die Dürre, dann die Flut. Wer die letzten Sommer verfolgt hat, kennt das paradoxe Muster: Wochenlang vertrocknen Parks und Stadtbäume, dann fällt an einem einzigen Nachmittag so viel Regen, dass die Kanäle überlaufen und Straßen zu Bächen werden. Beides ist dieselbe Krise und unsere Städte sind für beides schlecht gebaut. Versiegelte Flächen können Wasser weder aufnehmen noch speichern. Bei Starkregen schießt es ab, bei Hitze fehlt es komplett.

Genau hier setzt eine Idee an, die in den letzten Jahren von einem Fachbegriff zum stadtplanerischen Leitbild geworden ist: die Schwammstadt.

Die Stadt als Schwamm

Das Prinzip ist im Namen schon erklärt. Statt Regenwasser so schnell wie möglich in die Kanalisation abzuleiten, soll die Stadt es aufsaugen wie ein Schwamm und vor Ort speichern, langsam versickern lassen und in Trockenzeiten wieder abgeben. Wasser wird damit nicht länger als Störfaktor behandelt, den man möglichst rasch loswerden muss, sondern als Ressource.

Entwickelt hat das Konzept der chinesische Landschaftsarchitekt Kongjian Yu Anfang der 2000er-Jahre, als Antwort auf die verheerenden Überschwemmungen in Chinas rasant wachsenden Städten. Sein Plädoyer lässt sich auf eine Formel bringen: grün statt grau. Graue Infrastruktur, Betondämme, unterirdische Abwasserkanäle, arbeitet gegen die Natur und verbraucht Energie. Grüne Infrastruktur, Parks, Feuchtgebiete, Regengärten, durchlässige Böden, arbeitet mit ihr.

In der Praxis ist die Schwammstadt kein einzelnes Bauwerk, sondern ein ganzes Bündel an Maßnahmen: begrünte Dächer und Fassaden, entsiegelte Plätze, Versickerungsmulden, Regengärten – und ein cleveres Detail unter der Erde, von dem die meisten Menschen nie etwas mitbekommen.

Bäume, die unter dem Asphalt trinken

Stadtbäume sind die heimlichen Klimaanlagen jeder Stadt: Sie spenden Schatten und kühlen ihre Umgebung durch Verdunstung. Ihre volle Wirkung entfalten sie aber erst nach Jahrzehnten, wenn sie eine große Krone gebildet haben – und die Krone wächst nur so groß wie der Wurzelraum darunter. Im klassischen Straßenbau, mit verdichtetem Boden unter dem Asphalt, ersticken die Wurzeln regelrecht. Viele Straßenbäume werden deshalb nicht älter als 20 bis 30 Jahre.

Das Schwammstadt-Prinzip für Bäume, ursprünglich aus Skandinavien stammend, löst das Problem mit einem speziellen Unterbau aus grobem Schotter: Er trägt das Gewicht von Straßen und Gehwegen, lässt aber zwischen den Steinen genug Raum für Wurzeln, Luft und Wasser. Regenwasser von der Oberfläche wird gezielt in diesen Unterbau geleitet und dort zwischengespeichert. Der Baum kann es nutzen, der Kanal wird entlastet – ein doppelter Gewinn.

Nach Österreich gebracht und erforscht wurde dieses Prinzip maßgeblich an der HBLFA Schönbrunn; im „Arbeitskreis Schwammstadt“ unter der Österreichischen Gesellschaft für Landschaftsarchitektur wird es für heimische Bedingungen weiterentwickelt. In Wien ist es längst keine Theorie mehr: In der Seestadt Aspern wurde es erstmals in ganzen Straßenzügen umgesetzt, dazu kommen Projekte am Johann-Nepomuk-Vogl-Platz oder in der Zollergasse. Auch international gehören Städte wie Stockholm, Berlin, Lyon und Kopenhagen zu den Vorreitern.

Warum das viel mehr ist als Hochwasserschutz

Die Schwammstadt ist deshalb so spannend, weil sie genau das verkörpert, worum es in unserem ganzen Escape Room geht: Städte und Natur nicht gegeneinander, sondern miteinander zu denken. Sie ist ein seltener Fall, in dem unsere drei zentralen SDGs auf derselben Seite stehen.

Nachhaltige Infrastruktur (SDG 9): Die Schwammstadt ist Stadtplanung neu gedacht – Innovation, die mit der Natur baut statt gegen sie. Sie zeigt, dass moderne Infrastruktur nicht zwangsläufig versiegeln und verdrängen muss.

Leben an Land (SDG 15): Mehr Grün, gesunde Stadtbäume und durchlässige Böden schaffen Lebensraum für Insekten, Vögel und Pflanzen – mitten in der Stadt. Die kühlende Verdunstung wirkt wie eine natürliche Klimaanlage gegen die zunehmende Hitze.

Leben unter Wasser (SDG 14): Was bei Starkregen nicht in den Kanal abfließt, reißt auch keine Schmutzfracht in Flüsse und Meere. Weniger Mischwasserüberläufe bedeuten saubereres Wasser flussabwärts – die Verbindung von der Stadt bis ins Meer, die uns in diesem Blog immer wieder begegnet.

Kein Wundermittel aber ein wichtiger Hebel

Bei aller Begeisterung lohnt der ehrliche Blick: Die Schwammstadt ist keine Versicherung gegen jede Katastrophe. Bei extremen Niederschlägen, wie sie zuletzt etwa im Ahrtal oder in Valencia auftraten, stößt auch der beste Schwamm an seine Grenzen. Und nachträglich eine gewachsene, versiegelte Stadt umzubauen, ist teuer und langwierig.

Trotzdem bleibt sie einer der überzeugendsten Ansätze, die wir haben, gerade weil sie kein einzelnes Problem löst, sondern viele zugleich entschärft: Hitze, Hochwasser, Trockenheit, Artensterben, Wasserqualität. Sie macht sichtbar, dass eine lebenswerte Stadt der Zukunft keine Betonwüste sein muss, sondern grün, durchlässig und im besten Sinne „durstig“ sein darf.

Die gute Nachricht: Der Wandel hat längst begonnen, Stein für Stein, Baum für Baum, unter unseren Straßen.

 

Quellen