Was Floßfahren über Nachhaltigkeit, Biodiversität und urbane Zukunft erzählt.
Mit circa fünf km/h gleitet das Floß über die Mur. Langsam genug, um Details wahrzunehmen, die sonst oft verborgen bleiben. Doch was steckt hinter dieser scheinbar einfachen Flussfahrt, und warum lohnt es sich, die Perspektive auf das Wasser zu wechseln?
In diesem Blog möchte ich die Beziehung zwischen Stadt und Wasser erkunden. Durch den Klimawandel rückt Wasser zunehmend in den Fokus urbaner Zukunftsfragen: Hitze, Starkregen und Überschwemmungen beeinflussen, wie Städte geplant und gestaltet werden. Um diesen Blog zu verfassen, habe ich selbst an einer Floßfahrt der Flösserei auf der Mur teilgenommen. Dabei eröffnet das Floßfahren eine besondere Perspektive. Es lädt dazu ein, die Stadt nicht von Straßen oder Gebäuden aus zu denken, sondern vom Wasser aus – als ein Geflecht aus menschlichen und nicht-menschlichen Beziehungen. Wasser in urbanen Räumen ist weit mehr als nur Infrastruktur. Es ist zugleich sozialer, ökologischer und politischer Raum (1).
Die Mur als Lebensraum und Lernraum
Besonders eindrücklich wurde dies im Gespräch mit Paula, einer der Kapitänin des Floßes. Sie erzählt, dass die Mur früher als stark verschmutztes Gewässer galt – ein Ort, an dem Schwimmen undenkbar war. Durch industrielle Abwässer wurde die Mur zu einem unsichtbaren Abfluss der Stadt. Heute zeigt sich ein anderes Bild: Die Wasserqualität hat sich deutlich verbessert. Regelmäßige Messungen der Wasserwerte, etwa von E.-coli-Bakterien, dokumentieren diesen Fortschritt.
Wie mir auf dem Floss erzählt wird, dient besonders auch die Tierwelt als Indikator für ökologische Veränderungen. Der Eisvogel beispielsweise siedelt sich nur dort an, wo das Wasser eine gewisse Reinheit erreicht hat. Seine Anwesenheit lässt sich daher als Zeichen ökologischer Erholung lesen. Die Mur wird heute zunehmend als Lebensraum und Erholungsraum verstanden – sowohl für Menschen als auch für Tiere und Pflanzen (2).
Das Floß selbst steht exemplarisch für einen nachhaltigeren Umgang mit urbaner Infrastruktur. Es wird batteriebetrieben, während die kleine Bar an Bord durch eine Solaranlage versorgt wird.
Gleichzeitig bleibt die Mur ein umkämpfter Raum. Der Bau von dem Wasserkraftwerk führte in den vergangenen Jahren zu kontroversen Diskussionen. Solche Eingriffe in natürliche Flusssysteme sind nie neutral. Sie verändern Strömungen, Lebensräume und ökologische Gleichgewichte. Durch den Bau hat sich das Ökosystem der Mur verändert, aber es wurden auch neue Lebensräume durch die veränderten Bedingungen erschaffen. Entlang der Mur wachsen Pflanzen wie Weiden, die besonders widerstandsfähig gegenüber feuchten Bedingungen sind, und bieten wiederum Lebensraum für andere Arten.
Floßfahren wird dadurch zu mehr als einer Freizeitaktivität. Es ist eine Form des Lernens – ein Erfahren von Umweltzusammenhängen. Die langsame Bewegung, die Nähe zum Wasser und die Beobachtung von Tieren schaffen eine Verbindung, die sich nicht allein durch Berichte herstellen lässt.
Immer wieder beteiligt sich das Floß auch an Reinigungsaktionen auf der Mur, bei denen vor allem Flaschen und Dosen aus dem Wasser geholt werden. Die Initiative versucht, den Lebensraum Mur den Menschen näherzubringen und Bewusstsein dafür zu schaffen, wie spannend Wasserforschung sein kann und welchen Einfluss menschliches Handeln auf urbane Gewässer besitzt (3).
Vielleicht liegt genau darin das Potenzial für die urbane Zukunft. Städte wieder stärker vom Wasser aus zu denken bedeutet, sie als lebendige Ökosysteme zu begreifen. Es bedeutet auch, Verantwortung nicht nur abstrakt zu diskutieren, sondern konkret erfahrbar zu machen. Das Floß auf der Mur zeigt, dass solche Perspektivwechsel möglich sind – und notwendig, um nachhaltige und lebenswerte Städte zu gestalten. Wie sieht also die urbane Zukunft der Städte aus? Hoffentlich grün-blau: Städte, die Wasser bewusst mitdenken, Aufenthaltsorte schaffen und somit Biodiversität stärken (4).
Literatur
Eigene Mitschriften und Interview mit einer Mitarbeiterin der Flösserei Graz, geführt im Mai 2026.
(1)Yates, J. S., & Tadaki, M. (2023). Political ecologies of urban water governance. In T. Bolognesi, F. Silva Pinto, & M. Farrelly (Eds.), *The Routledge Handbook on Urban Water Governance* (pp. 331–344). Routledge. [https://doi.org/10.4324/9781003057574-28](https://doi.org/10.4324/9781003057574-28)
(2)Stadt Graz. (o. J.). *Lebensraum Mur – Grünkorridor und Erholungsraum*. [https://www.graz.at/cms/beitrag/10460128/9063249/Lebensraum_Mur_Gruenkorridor_und_Erholungsraum.html](https://www.graz.at/cms/beitrag/10460128/9063249/Lebensraum_Mur_Gruenkorridor_und_Erholungsraum.html)
(3)Die Flößerei. (2026, March 17). Floßfahrten auf der Mur – DIE FLOESSEREI. DIE FLOESSEREI. https://diefloesserei.at/
(4)Hack, J., Peréz Rubí, M., Beissler, M., Ortega Sandoval, A., & Bonilla Brenes, R. (2023). *Implementing Nature-based Solutions and Green Infrastructure for Cities, Citizens and Rivers – The SEE-URBAN-WATER Project*. Leibniz University Hannover. [https://doi.org/10.15488/15438](https://doi.org/10.15488/15438)
