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Was kann Politik gegen Lebensmittelverschwendung tun? – Ein europäischer Ländervergleich

Wie wir bereits in unseren vorherigen Beiträgen gezeigt haben, landen in Europa jedes Jahr Millionen Tonnen noch genießbarer Lebensmittel im Müll. Das passiert nicht nur in privaten Haushalten, sondern auch im Handel und entlang der gesamten Produktionskette. In der öffentlichen Debatte liegt der Fokus dabei oft auf dem Verhalten der Konsument:innen. Doch ein Blick auf verschiedene europäische Länder macht deutlich: Auch die Politik kann einen entscheidenden Beitrag leisten – vorausgesetzt, sie schafft klare und verbindliche Rahmenbedingungen. Die entscheidende Frage ist also nicht ob, sondern wie konsequent politische Maßnahmen umgesetzt werden.

 

Frankreich

Frankreich gilt als klarer Vorreiter im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung. Bereits 2015 hat das Land als erstes weltweit ein Gesetz eingeführt, das Supermärkten verbietet, unverkaufte, aber noch genusstaugliche Lebensmittel zu entsorgen. Stattdessen müssen diese an Wohltätigkeitsorganisationen weitergegeben werden. Dieses Gesetz setzt ein starkes politisches Signal und zeigt, dass verbindliche Vorgaben Wirkung entfalten können.

 

Italien

Auch Italien hat ein Gesetz verabschiedet, das Supermärkte verpflichtet, unverkaufte Lebensmittel entweder zu spenden oder vergünstigt abzugeben. Wie in Frankreich ist dies ein wichtiger Schritt in Richtung Abfallvermeidung. Der Fokus liegt dabei ebenfalls auf der Weiterverwendung statt auf der Entsorgung.

 

Großbritannien

Großbritannien plante mit dem sogenannten Food Waste Reduction Act einen besonders weitreichenden Ansatz. Große Supermärkte und Produzenten sollten verpflichtet werden, ihre Lebensmittelabfälle offenzulegen und diese bis 2025 um 30 Prozent zu reduzieren. Langfristig war sogar vorgesehen, die Lebensmittelabfälle pro Kopf bis 2030 zu halbieren.
Doch trotz dieser ambitionierten Ziele wurde der Gesetzesentwurf bislang nicht umgesetzt. Das Beispiel Großbritannien zeigt deutlich: Gute Ideen und ehrgeizige Zielsetzungen reichen nicht aus, wenn es an politischer Durchsetzungskraft fehlt.

 

Deutschland

In Deutschland wurde 2019 eine nationale Strategie zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen beschlossen. Ziel ist es, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 um 50 Prozent zu senken. Dieser Ansatz setzt stärker auf Kooperation und freiwillige Maßnahmen.
Ob dieser weniger verpflichtende Weg langfristig ausreicht, bleibt offen – klar ist jedoch, dass Deutschland das Problem zumindest auf politischer Ebene anerkennt.

 

Österreich

In Österreich sind Lebensmittelhändler:innen verpflichtet, die Menge an entsorgten und gespendeten Lebensmitteln an das Umweltministerium zu melden. Diese Maßnahme sorgt vor allem für mehr Transparenz und macht sichtbar, wie groß das Ausmaß der Lebensmittelverschwendung tatsächlich ist.
Zwar ersetzt diese Regelung keine verbindlichen Reduktionsziele, sie schafft jedoch Bewusstsein und bildet eine wichtige Grundlage für zukünftige politische Maßnahmen.

In den letzten Jahren wurden in Österreich mehrere Initiativen gestartet. 2021 stellte das zuständige Ministerium die Strategie zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen sowie das Aktionsprogramm „Lebensmittel sind kostbar“ vor. Ziel ist es, Bewusstseinsbildung zu fördern, die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft zu stärken und gezielt Förderungen bereitzustellen.
Ein zentraler Kritikpunkt bleibt jedoch bestehen: Dem Programm fehlt es bislang an Verbindlichkeit, klaren Zuständigkeiten und einem konkreten Zeitplan für die Umsetzung.

Ebenfalls 2021 wurde eine interministerielle Koordinierungsstelle gegen Lebensmittelverschwendung eingerichtet. Sie bringt verschiedene Ministerien, den Handel, die Landwirtschaft und NGOs an einen Tisch. Zwar konnten dadurch erste Fortschritte erzielt werden, doch bislang decken die Arbeitsgruppen nur einen Teil der Ursachen ab. Zudem finden die Ergebnisse noch zu langsam Eingang in konkrete politische Entscheidungen.

Ein weiterer wichtiger Schritt ist die seit Ende 2023 geltende Meldepflicht für große Supermärkte und Großhändler. Diese müssen vierteljährlich berichten, wie viele Lebensmittel sie entsorgen und wie viele sie spenden. Erste Auswertungen zeigen: Etwa dreimal so viele Lebensmittel werden entsorgt wie gespendet. Gleichzeitig gibt es große Unterschiede zwischen einzelnen Verkaufsstellen, was auf uneinheitliche Erhebungsmethoden hindeutet. Um wirksame Maßnahmen setzen zu können, braucht es daher einheitliche Standards und eine deutlich bessere Datenbasis – insbesondere auch in der Landwirtschaft, wo viele Verluste bislang gar nicht erfasst werden.

Besonders auffällig ist jedoch, was bisher nicht passiert ist. Im Regierungsprogramm 2020–2024 wurde ein Verbot der Entsorgung genusstauglicher Lebensmittel im Handel – nach französischem Vorbild – angekündigt. Bis heute liegt jedoch nicht einmal ein Gesetzesentwurf vor.