In Zeiten wachsender Urbanisierung, funktionaler Stadtplanung und zunehmender Kommerzialisierung kommt sogenannten Freiräumen eine neue, zentrale Bedeutung zu. Gemeint sind damit offene, nicht-kommerzielle urbane Orte, die durch zivilgesellschaftliches Engagement entstehen und von Bürger:innen selbstorganisiert genutzt und gestaltet werden. Abseits von institutionellen Vorgaben und Marktlogiken eröffnen sie soziale, kulturelle und politische Möglichkeitsräume und leisten so einen wesentlichen Beitrag zu einer gerechten, vielfältigen und nachhaltigen Stadtentwicklung [1]. Graz zeigt mit zahlreichen Initiativen und Projekten eindrucksvoll, welches Potential in solchen offenen Räumen steckt.
Aber was sind Freiräume eigentlich?
Freiräume sind unbebaute, vielseitig nutzbare Flächen in der Stadt. Diese reichen von privaten Innenhöfen und Vorgärten über öffentliche Plätze, Stadtparks und Nachbarschaftsgärten bis hin zu Brachflächen und urbaner Landwirtschaft. Auch scheinbar „zweckgebundene“ Flächen wie Verkehrsrandstreifen, Lagerflächen oder versiegelte Infrastrukturräume können – sofern sie ökologisch oder sozial nutzbar gemacht werden – zu wertvollen Freiräumen mit großem Potential werden [2].
Entscheidend ist ihr Potential zur Offenheit, Selbstaneignung und Gemeinwohlorientierung. Freiräume entstehen nicht nur im Zentrum, sondern auch an den Rändern urbaner Räume in Form von Kleingartenanlagen, Stadtwäldern oder auf wildwachsenden Zwischenräumen. Sie bieten vielfältige ökologische Funktionen, wie Klimaregulierung oder Luftfilterung und eröffnen neue Nutzungsoptionen, selbst dort, wo zuvor nur Verkehrs- oder Brachflächen vorhanden waren [3, 4].
Warum sind Freiräume für die nachhaltige Stadtplanung essenziell?
Freiräume sind weit mehr als bloße Grüninseln im urbanen Raum – sie sind tragende Säulen nachhaltiger Stadtentwicklung:
- Sozial Nachhaltig: Freiräume fördern Begegnung, Teilhabe und Integration. In einer zunehmend anonymisierten Stadtgesellschaft werden sie zu Orten des Austauschs, der Gemeinschaft und des sozialen Lernens.
- Ökologisch Nachhaltig: Unversiegelte Flächen regulieren das Mikroklima, speichern Regenwasser, tragen zur Biodiversität bei und dienen als Pufferzonen in Zeiten des Klimawandels.
- Kulturell und politisch Nachhaltig: Freiräume sind Orte alternativer Kultur, politischer Selbstorganisation und gesellschaftlicher Utopien – jenseits von kommerziellen Formaten und Konsumlogik.
Eine nachhaltige Stadt muss daher nicht nur umweltfreundlich, sondern auch gemeinwohlorientiert, inklusiv und offen sein. Freiräume sind dabei unverzichtbare Bausteine.
Freiräume in Graz als Orte des Möglichmachens?
Graz ist reich an engagierten Projekten, die solche Räume entstehen lassen – oft ehrenamtlich, selbstverwaltet und bewusst nicht-kommerziell. Ein inspirierender Überblick über aktuelle Initiativen findet sich auf: https://freiraumfest.at/raeume-initiativen/
Diese Orte machen sichtbar: Nachhaltigkeit ist nicht nur ein planerisches Ziel, sondern wächst dort, wo Menschen Raum erhalten, um ihn selbst zu gestalten.
Vom 20. bis 26. Oktober im Jahr 2024 fand zum zweiten Mal das Freiraumfest Graz statt. Das selbstorganisierte, unkommerzielle Festival verwandelt die Stadt eine Woche lang in eine Bühne für freie Räume, Ideen und Begegnungen. Mit Konzerten, Workshops, Diskussionen und Ausstellungen zeigte das Festival eindrucksvoll, was Freiräume möglich machen. Für 2025 wurde bisher noch kein Termin bekannt gegeben – umso größer ist die Vorfreude auf das, was noch kommt.
Mehr dazu: https://freiraumfest.at/
Was bleibt?
Freiräume entstehen oft dort, wo bestehende Strukturen Lücken lassen – in Zwischenräumen, auf Brachen, am Rande des Systems. Sie wachsen aus Eigeninitiative, mit viel Engagement und oft ohne institutionelle Unterstützung. Umso wichtiger ist es, sie zu schützen, weiterzudenken und in ihrer Funktion für eine sozial-ökologische Stadtentwicklung ernst zu nehmen.
Denn: Eine nachhaltige Stadt beginnt mit Raum. Raum für Ideen, für Begegnungen und für ein gutes Leben für alle.
Quellen:
[1] Adam, Brigitte; Dosch, Fabian (2019): Urbane Freiräume. Qualifizierung, Rückgewinnung und Sicherung urbaner Frei- und Grünräume ; Handlungsempfehlungen für die kommunale Praxis. Online verfügbar unter https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/FP/ReFo/Staedtebau/2015/UrbaneFreiraeume/urbane-freiraeume-node.html.
[2] Haase, Dagmar; Kabisch, Sigrun; Haase, Annegret; Andersson, Erik; Banzhaf, Ellen; Baró, Francesc et al. (2017): Greening cities – To be socially inclusive? About the alleged paradox of society and ecology in cities. In: Habitat International 64, S. 41–48. DOI: 10.1016/j.habitatint.2017.04.005.
[3] Pauleit, Stephan; Ambrose-Oji, Bianca; Andersson, Erik; Anton, Barbara; Buijs, Arjen; Haase, Dagmar et al. (2019): Advancing urban green infrastructure in Europe: Outcomes and reflections from the GREEN SURGE project. In: Urban Forestry & Urban Greening 40, S. 4–16. DOI: 10.1016/j.ufug.2018.10.006.
[4] Pueffel, Catharina; Haase, Dagmar; Priess, Joerg A. (2018): Mapping ecosystem services on brownfields in Leipzig, Germany. In: Ecosystem Services 30, S. 73–85. DOI: 10.1016/j.ecoser.2018.01.011.
